Gefühlsausbruch
Was nützt es, wenn alle sagen, das muss jeder einmal durchmachen? Was nützt es wenn alle sagen, das das wieder vergeht? Wie schön, das Leben sein kann. Er hätte nie gedacht, er würde der Schule mal was positives zuordnen können. OK, zu den Außenseitern gehört er nicht gerade, ganz im Gegenteil. Er sieht gut aus, hat gute Noten und hat viele Freunde. Und dann kommt die Fahrt nach England. Austausch. Viel hat er nicht erwartet. Besser als Schule. Außerdem heißt es doch, auf der Insel kommt man schlecht an Alk ran. Es wird keine Big Party geben. Dachte er vorher!
Die Tage verliefen tatsächlich nicht sehr aufregend. Bis auf den letzten Abend. Es gab eine kleine Party. Es wurde getanzt und gefeiert. Und er lernte Noor kennen. Bildhübsch. Es durchzuckte ihn ein kleines bisschen, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Zum Abschied haben sie sich auch geküsst. Es war etwas länger als ein gewöhnlicher Abschiedskuss. Er fand es schön. Ja, doch dachte er nicht mit Sehnsucht, nicht mit liebenden Gedanken an sie, er sah sie, als liebe Freundin, die eben sehr weit weg wohnt. Über SMS und MSN Messenger hielten sie Kontakt. Und es änderte sich nichts.
Austausch, das zweite mal. Die Engländer hier. In Deutschland. Bei uns.
Und das Spiel beginnt von vorne. Sie reden kaum miteinander, bis zur Abschiedsparty. Seine beste Freundin führt sie schließlich zusammen. Wie zwei kleine Kinder. Es geht nicht anders, so dumm es ausgesehen hat. Ja, und dann schaffen sie es doch, sie küssen sich, zuerst etwas verhalten, doch bald mit mehr Leidenschaft. Und wieder durchzuckt es ihn. Vielleicht etwas mehr, als beim ersten Mal. Er spürte es in seinem Magen rumoren.
„Sind das die Schmetterlinge? Lass es nicht sie sein. Bitte nicht.“
Doch selbst diese Nacht geht zuende. Irgendwann. Und sie fährt. Und umsomehr er sich dagegen wehrt um so mehr gewinnen Gefühle die Oberhand. „Das kann nicht sein. Sie wohnt zu weit weg. Das darf nicht sein.“
Abschiedszene. Als sie am Bahnhof ankommen, da ist Noor schon da. Er muss sich eingestehen, sie ist wirklich verdammt hübsch. Und gut reden kann man mit ihr auch. Sie gehen ein Stück, um alleine zu sein. Sie werden sich vermissen. Das sagen sie sich. Und plötzlich übermannt ihn das alles. Wie eine Welle aus Gefühlen stürzt es auf ihn ein. Bedrückt war er schon die ganze Zeit, wenn er an den Abschied gedacht hat aber das er weinen würde, wegen ihr, das wollte er nie. Gefühle können so verletzen. Sie umarmen sich. Auch sie muss schluchzen. Lange stehen sie so da. Nach einer Weile haben sie sich dann doch wieder soweit gefasst, dass sie zu den anderen zurückgehen können. Er setzt seinen Sonnenbrille auf. Nicht jeder soll ihn so sehen. Sie versteckt sich nicht. Sie wollen sich nicht loslassen, doch sie müssen. Und dann der Pfiff, der Zug fährt davon und er sieht zum letzten Mal ihr Gesicht. Und er sieht, dass es voll von Tränen ist. Die Wimperntusche verwischt. Für ihn versucht sie ein letztes Mal ein Lächeln aufzusetzen. Es kommt nur eine verzerrte Grimasse dabei heraus. Und er kommt nicht klar, mit dem Gefühlsschwall der über ihn hereingebrochen ist. Er schaut dem Zug noch lange nach, sieht wie das Dach im Sonnenlicht noch einmal aufblitzt und dann hinter der nächsten Biegung verschwindet.
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