Montag, 12. September 2011

Logbucheintrag 105

13. September 2011

Die gesunde Psyche hält den Körper gesund

Arbeitsmediziner Rolf Hess-Gräfenberg, Landesvorsitzender des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte: "Zufriedenheit bei der Arbeit ähnelt einem Zirkelschluss: Um mit seiner Arbeit zufrieden zu sein, darf sie nicht krank machen. Damit Arbeit aber nicht krank macht - muss sie zufrieden stimmen. Natürlich sind auch körperliche Faktoren, etwa rückenfreundliche Schreibtischstühle, Sport oder flimmerfreie PC-Bildschirme wichtig für Gesundheit am Arbeitsplatz. Aber da hat sich in den vergangenen Jahren viel verbessert. Immer bedeutsamer werden daher psychische Faktoren. Allen Studien zufolge entscheiden vor allem drei Fragen über das Wohlergehen von Arbeitskräften: Wie viel und wie lange muss ich arbeiten? Werde ich unterstützt und geschätzt? Bin ich autonom in meinem Handeln? Die Arbeitsmenge nimmt zwar seit Jahren zu, wird aber meist noch als kontrollierbar erlebt. Dramatischer steht es um Unterstützung und Wertschätzung: Empfinden Arbeitskräfte ihren Vorgesetzten als unkooperativ oder bleibt Anerkennung aus, droht das langfristig auf die körperliche Gesundheit zu schlagen. Ähnlich steht es um die Handlungsfreiheit: Wer selbst gestalten und entscheiden kann, ist belastbarer, zufriedener und gesünder - und umgekehrt. Die langfristigen Folgen solcher Belastungen reichen von Rückenschmerzen über die Depression bis zum Herzinfarkt. Die Zahl der Fehltage aufgrund psychosomatischer Erkrankungen ist im vergangenen Jahrzehnt um rund 80 Prozent gestiegen. Allerdings tritt die Erkrankung oft nicht in der akuten Stressphase ein, sondern danach, im Urlaub oder nachdem der tyrannische Chef abgelöst wurde. Während der Belastungsphase werden so viele Stresshormone ausgeschüttet, dass man gesundheitlich meist geschützt ist. Lässt der Stress aber nach, sinkt der Hormonspiegel. Deshalb ist es wichtig, sein Gefährdungspotenzial frühzeitig zu ermitteln. Dabei hilft ein Test zur Ermittlung des Work Ability Index (WAI), für den man kaum fünf Minuten braucht. Sind die Resultate alarmierend, sollten Sie Ihren Arzt kontaktieren." Zum Test: www.arbeitsfaehigkeit.net

Arbeit wird Feier, Feier wird Arbeit

Arbeiterführer Guntram Schneider, Landesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB): "Ich warne davor, die Lebensqualität am Arbeitsplatz zu einer Frage der Psychotechnik zu reduzieren. Solche Techniken helfen nur begrenzt. Die Gründe dafür, dass 40 Prozent der deutschen Arbeitnehmer innerlich bereits gekündigt haben, liegen weitaus tiefer.

Vor allem können Arbeitsnehmer ihr Arbeitsumfeld noch immer nicht ausreichend mitgestalten. Dabei wissen die Betroffenen natürlich am besten, was Not täte, um ihre Zufriedenheit zu erhöhen. Nehmen Sie das Arbeitszeitregime: Da müssten die Unternehmen mehr Rücksicht nehmen auf die individuellen Lebensumstände ihrer Mitarbeiter. Eine Mutter oder ein Vater von zwei kleinen Kindern brauchen Arbeitszeiten, die individuell auf ihre oft Nerven zehrende Lebenssituation zugeschnitten sind. Wohlgemerkt: Damit wird nicht weniger, sondern familienverträglichere Arbeit gefordert.

Mangelnde Zufriedenheit ist auch kein wolkiges Stimmungsthema, sondern eine handfeste ökonomische Frage. Schließlich steigert Zufriedenheit unbestreitbar die Produktivität. Manche Arbeitgeber haben das auch erkannt. Andere wollen dagegen keine zeitsouveränen, zufriedenen und - damit oft einhergehend - selbstbewussten Arbeitnehmer, sondern Rädchen im Getriebe, zum Beispiel kleine Texter, die sich für ihre Werbeagentur kaputt- und krank schuften. Aber allen entmutigenden Rückschlägen zum Trotz dürfen die Arbeitnehmer den uralten Anspruch auf ein gutes Arbeitsleben nicht aufgeben, wie er so schön in einem Arbeiterlied des 19. Jahrhunderts formuliert wurde: 'Und die Feier wird Arbeit sein und die Arbeit Feier'. Das mag utopisch klingen. Aber was meinen Sie, wie viel ärmer die Arbeitswelt wäre, wenn die Beschäftigten keine hohen Ansprüche mehr erheben würden?"

Gelassen und froh hinter dem Computer

Arbeitstheoretiker und Managementberater Paul Kohtes: "Es ist eine Illusion zu glauben, man müsse erst viele Jahre in einer Mönchsklause meditiert haben, um gelassen und froh arbeiten zu können. Die uralte Weisheit aus Klausen und Klöstern lässt sich für uns heute auch im Büro finden. Und zwar ganz praktisch: Wichtig ist zunächst einmal, Distanz zu dem Film zu gewinnen, in dem Sie als Darsteller agieren. Dabei können 30-Sekunden-Übungen helfen. Ein Beispiel: Wenn Sie im Büro sitzen, schließen Sie die Augen und nehmen Ihre Umgebung wahr, die Geräusche und Gerüche, die Unruhe. Danach stellen Sie sich vor, Sie flögen in den Himmel über ihrem Büro und schauten auf sich selbst herab, wie Sie am Arbeitsplatz sitzen, vor dem PC, die Kollegen nebenan. Dann kehren sie zurück und lassen die Übung mit ein paar Sekunden bewusster Atmung ausklingen. Danach werden Sie einen befreienden Abstand zu sich selbst spüren. Der ist wichtig, um immer wieder zu neuen, konstruktiven Gedanken zu kommen.

So können wir sogar fröhlich sein bei der Arbeit. Zu dem Zweck sollten Sie auch versuchen, Ihren Kunden, Klienten, Geschäftspartnern von Herzen wohl zu wollen. Zunächst muss man dafür allerdings sich selbst gern haben. Erst das befähigt, anderen wohl zu wollen. Wer anderen gut will, baut nach und nach negative Denkgewohnheiten ab, zum Beispiel einen tief sitzenden und Zorn auslösenden Glauben, die anderen meinten es schlecht mit mir; oder den Glauben, der Erfolg eines Kollegen sei ein Grund zum Neid. Solche negativen Sichtweisen fressen unsere Energie auf. Es braucht zwar eine Weile, um seine Festplatte im Gehirn derart zu entrümpeln und neu zu programmieren. Aber es lohnt sich."

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